Dies ist beinahe ein Musterbeispiel für die Gefahr, Tieranatomie auf den Menschen zu übertragen.
Galens anatomisches System enthielt ein Rete mirabile, ein dichtes Gefäßnetz an der Basis des Gehirns. Solche Netze gibt es bei manchen Säugetieren tatsächlich. Menschliche Sektionen waren in Galens Umfeld stark eingeschränkt, sodass Befunde aus Tieren in Beschreibungen des menschlichen Körpers gelangen und anschließend enorme Autorität als überlieferter Text gewinnen konnten.
Der Fehler hielt sich bis in die Anatomie der Renaissance. Frühe gedruckte anatomische Abbildungen zeigten das Rete noch im menschlichen Kopf.
Andreas Vesalius ging 1543 besonders überzeugend vor. Er verwarf das Rete mirabile beim Menschen aufgrund von Sektionen, sezierte aber zugleich Schafe und zeigte, dass er die Struktur sehr wohl finden konnte, wenn er ein Tier untersuchte, das sie tatsächlich besitzt. Dadurch ließ sich die Abweichung kaum noch mit schlechter Technik oder dem Übersehen eines feinen Gefäßes erklären.
Die moderne Anatomie kennt kein normales menschliches karotides Rete mirabile. Seltene krankhafte Kollateralgefäße können oberflächlich „rete-artig“ aussehen, sind aber nicht die normale tierische Struktur, die in der galenischen Tradition beschrieben wurde.
Die entscheidenden Belege kamen aus vergleichender Anatomie, die wie ein Kontrollexperiment eingesetzt wurde.