Institutionelle Überzeugung · Medicine and public health
Malariafiebertherapie bei nichtsyphilitischen psychiatrischen Erkrankungen
Die absichtliche Infektion psychiatrischer Patientinnen und Patienten mit Malaria und die Auslösung wiederholter hoher Fieberschübe wurden als therapeutische Methode bei Schizophrenie, intellektueller Beeinträchtigung, affektiven und psychopathischen Störungen sowie weiteren Erkrankungen ohne Neurosyphilis behandelt.
1 Episode
Heutiger Wissensstand
Heutiger Wissensstand
Bei Neurosyphilis besaß die Malariafiebertherapie historisch eine andere Grundlage: Hohes Fieber konnte Treponema pallidum beeinträchtigen, bevor wirksame Antibiotika verfügbar waren. Daraus folgte jedoch keine Wirksamkeit bei Schizophrenie oder anderen nichtsyphilitischen psychiatrischen Erkrankungen. Die Ergebnisse solcher Erweiterungen waren historisch uneinheitlich und schlecht begründet; moderne Evidenz stützt eine absichtlich herbeigeführte Plasmodium-vivax-Infektion nicht als psychiatrische Therapie. Malaria ist selbst eine akute Infektionskrankheit mit potenziell schweren Komplikationen. Die Korrektur betrifft daher ausdrücklich die Ausweitung über Neurosyphilis hinaus.
Folgen und menschliche Auswirkungen
Folgen und menschliche Auswirkungen
Die Wiener Universitätspsychiatrie hielt einen übertragbaren Plasmodium-vivax-Stamm vor und infizierte psychiatrische Patientinnen und Patienten noch bis in die späten 1960er Jahre absichtlich. Die Mehrheit der Malariatherapiefälle in den fünf untersuchten Hauptdiagnosegruppen betraf keine Neurosyphilis. Schizophrenie und andere Diagnosen wurden mit einer Methode behandelt, für deren nichtsyphilitische Indikationen die zeitgenössische Literatur kaum eine detaillierte Begründung lieferte.
Wie daraus Folgen entstanden
Die klassische Anwendung bei progressiver Paralyse beziehungsweise Neurosyphilis war historisch davon zu unterscheiden. Vor Penicillin besaß das malariainduzierte Fieber dort eine biologisch plausible und historisch relevante antisyphilitische Wirkung, obwohl die Methode riskant war.
Die Archivlage beweist nicht, dass jeder nichtsyphilitische Patient ohne aufrichtig gemeinte therapeutische Indikation infiziert wurde. Sie zeigt jedoch die breite Ausweitung auf Diagnosen mit kaum detaillierter zeitgenössischer Begründung und dass einzelne Patienten zugleich als Träger des Malariastamms dienten.
Malariatherapiefälle in den fünf Wiener Hauptdiagnosegruppen betrafen andere Diagnosen als Neurosyphilis
Schizophreniepatienten wurden im Archiv 1951–1969 als absichtlich mit P. vivax infiziert identifiziert
letzte dokumentierte Malariafiebertherapie an der Wiener Universitätspsychiatrie
Zahlen werden nur hervorgehoben, wenn sie durch die angegebenen Quellen gestützt werden. Die Größe einer damit verbundenen Katastrophe wird nicht automatisch als ausschließlich durch diese Überzeugung verursacht behandelt.
Institutionelle Episode
Österreich — Wien
Die Wiener Universitätspsychiatrie infizierte noch bis in die späten 1960er Jahre zahlreiche Menschen ohne Neurosyphilis absichtlich mit Malaria. Im untersuchten Bestand betrafen 609 von 772 Malariatherapiefällen der fünf Hauptdiagnosegruppen andere Diagnosen als Neurosyphilis, darunter Schizophrenie, intellektuelle Beeinträchtigung sowie affektive und psychopathische Störungen. Eine separate infektiologische Aktenanalyse identifizierte 158 Schizophreniepatienten, die meist mit 4–8 mL P.-vivax-infiziertem Blut inokuliert wurden und mehrere Fieberschübe durchliefen. Für diese nichtsyphilitischen Erweiterungen findet sich kaum eine detaillierte wissenschaftliche Begründung; die Praxis hielt bis Dezember 1968 an.
Institutionen
- Psychiatrisch-Neurologische Universitätsklinik Wien
- Allgemeines Krankenhaus Wien
- Medizinische Fakultät der Universität Wien
Dokumentierte Folgen
- Absichtliche Infektion psychiatrischer Patientinnen und Patienten mit Plasmodium vivax
- Wiederholte Fieberschübe vor Beendigung der Infektion durch Antimalariamittel
- Einsatz bei Schizophrenie, intellektueller Beeinträchtigung sowie affektiven und psychopathischen Diagnosen ohne Neurosyphilis-Rationale
- Fortgesetzte Exposition gegenüber einer Infektionskrankheit trotz verfügbarer nichtinfektiöser psychiatrischer Behandlungen
- Einzelne Patienten dienten zugleich als Träger des institutionellen Malariastamms
Institutioneller Apparat
Unter Hans Hoff setzte die Wiener Universitätspsychiatrie die Malariafiebertherapie von 1951 bis 1968 fort und weitete sie weit über Neurosyphilis hinaus aus. Menschen mit Schizophrenie, intellektueller Beeinträchtigung, affektiven und psychopathischen Störungen sowie weiteren Diagnosen wurden gezielt mit P. vivax infiziert, meist durch infiziertes Blut, und durchliefen wiederholte Fieberschübe, bevor Antimalariamittel gegeben wurden. Eine moderne Aktenstudie fand 772 Malariatherapiefälle in fünf Hauptdiagnosegruppen; 609 davon – fast 79 % – betrafen keine Neurosyphilis. Für die vier nichtsyphilitischen Diagnosegruppen fand die Untersuchung keine ausführliche zeitgenössische Indikationsdiskussion. Der letzte dokumentierte Einsatz erfolgte im Dezember 1968.
Quellen und was sie belegen
- In the shadow of the 'psychopharmacological revolution': Malaria fever, insulin coma, cardiazol and electroconvulsive therapy at the Vienna Psychiatric University Clinic, 1951–1969Wiener klinische Wochenschrift / Springer Nature
Peer-reviewed archival reconstruction documenting 772 malaria-therapy cases in five focal diagnostic groups, 609 nonsyphilitic cases, the extension to schizophrenia, intellectual disability, affective and psychopathic disorders, absence of detailed contemporary justification for those extensions, maintenance of the malaria strain, and the final recorded use in December 1968.
- Clinical and Parasitological Characteristics of Plasmodium vivax Malaria in Malaria-Naïve PatientsAmerican Journal of Tropical Medicine and Hygiene
Modern medical-record analysis identifying 869 iatrogenically infected Vienna patients, including 158 with schizophrenia; documents infected-blood inoculation, typical 4–8 mL doses, repeated fever paroxysms and subsequent antimalarial treatment. It explicitly notes that Vienna continued malaria therapy until the late 1960s after most centers had stopped.
- Malaria fever therapy: wide-spread administration in Vienna was an exceptional caseMedical University of Vienna
Official university account of the independent historical commission, confirming unusually broad cross-diagnostic use in Vienna, 772 adult focal cases, 35 child-ward cases, and persistence into the 1960s because clinicians considered their experience with the treatment positive.
- Psychiatric effects of malaria and anti-malarial drugs: historical and modern perspectivesMalaria Journal
Peer-reviewed historical review distinguishing the successful neurosyphilis rationale from later extensions to non-syphilitic psychiatric disorders, whose results were mixed and less successful.
- Malaria — Fact sheetWorld Health Organization
Current clinical context: malaria is an acute parasitic infection; P. vivax is one of the two human malaria species posing the greatest global threat, and malaria can cause severe illness and death.
Zuletzt geprüft: 24.8.2026