Institutionelle Überzeugung · Medicine and public health
Insulinkomatherapie als Behandlung der Schizophrenie
Wiederholt durch Insulin ausgelöste hypoglykämische Komas wurden als spezifische oder grundlegende Therapie behandelt, die bei Schizophrenie Remission oder Heilung bewirken könne.
2 Episoden
Heutiger Wissensstand
Heutiger Wissensstand
Kontrollierte Vergleiche belegten keinen spezifischen therapeutischen Nutzen des Insulinkomas selbst bei Schizophrenie. Verbesserungen in frühen unkontrollierten Serien konnten unter anderem durch Patientenauswahl, den natürlichen Krankheitsverlauf, intensive Pflege und soziale Betreuung, Begleitbehandlungen und andere unspezifische Effekte entstehen. Die absichtliche schwere Hypoglykämie brachte zudem erhebliche Risiken mit sich, darunter Krampfanfälle, verlängertes Koma, neurologische Schäden und Tod. Die historische Korrektur lautet daher nicht, dass sich während einer solchen Kur niemals ein Patient besserte, sondern dass das insulininduzierte Koma nicht als der behauptete spezifisch antischizophrene Wirkmechanismus belegt wurde.
Folgen und menschliche Auswirkungen
Folgen und menschliche Auswirkungen
Bei der Insulinkomatherapie wurden psychiatrische Patientinnen und Patienten absichtlich in schwere Hypoglykämie und Bewusstlosigkeit versetzt, häufig wiederholt über mehrere Wochen. Von Wien aus verbreitete sich die Methode rasch international und wurde zu einer personalintensiven institutionellen Behandlung der Schizophrenie. In Wien wurde sie noch um 1970 angewandt, obwohl kontrollierte Studien den behaupteten spezifischen Nutzen bereits untergraben hatten.
Wie daraus Folgen entstanden
Die Insulinkomatherapie bei Schizophrenie war von der normalen Insulinbehandlung bei Diabetes zu unterscheiden. Die Patientinnen und Patienten wurden absichtlich schwer hypoglykämisch und bewusstlos gemacht und anschließend mit Glukose, in Wien später auch mit Glukagon, wieder aufgeweckt.
Der Niedergang der Methode hatte mehrere Ursachen. Wissenschaftliche Kritik und kontrollierte Studien stellten die Wirksamkeit infrage; zugleich waren neue Antipsychotika einfacher und billiger anzuwenden. Das Verschwinden einer Therapie beweist daher für sich allein nicht, warum Institutionen sie aufgaben.
Insulinbehandlungsfälle an der Wiener Universitätspsychiatrie 1951–1969, überwiegend Komatherapie
setzten die tiefe Insulinkomatherapie 1938 bereits in England und Wales ein
Spanne zeitgenössisch berichteter Mortalitätsschätzungen bei der Insulinkomatherapie
Zahlen werden nur hervorgehoben, wenn sie durch die angegebenen Quellen gestützt werden. Die Größe einer damit verbundenen Katastrophe wird nicht automatisch als ausschließlich durch diese Überzeugung verursacht behandelt.
Institutionelle Episode
Österreich — Wien
Die Insulinkomatherapie wurde Mitte der 1930er Jahre in Wien entwickelt und etablierte sich an der Universitätspsychiatrie als Behandlung der Schizophrenie. Besonders bei frühen Erkrankungen wurde eine Heilung erwartet, und die Kuren bestanden aus wiederholt ausgelösten Komas. Nach Einführung der Neuroleptika und zunehmender Kritik an der Wirksamkeit ging die Anwendung zurück, hielt sich in Wien aber ungewöhnlich lange: Eine historische Studie von 2025/26 dokumentiert 965 Insulinbehandlungsfälle zwischen 1951 und 1969, überwiegend Komatherapie, und ein Ende der Methode erst um 1970.
Institutionen
- Psychiatrisch-Neurologische Universitätsklinik Wien
- Universität Wien / spätere Medizinische Universität Wien
Dokumentierte Folgen
- Wiederholte absichtliche Auslösung schwerer Hypoglykämie und von Koma bei psychiatrischen Patientinnen und Patienten
- Behandlungskuren mit häufig Dutzenden Komainduktionen über mehrere Wochen
- Risiko von Krampfanfällen, verlängertem Koma, neurologischen Schäden und Tod
- Fortsetzung einer invasiven Therapie, obwohl ihr spezifischer Nutzen bereits stark umstritten war
Institutioneller Apparat
Manfred Sakel entwickelte die Insulinkomatherapie für Schizophrenie Mitte der 1930er Jahre an der Wiener Universitätspsychiatrie. Die Methode wurde in die klinische Behandlung übernommen und überdauerte dort auch die Einführung der Neuroleptika. Unter Hans Hoff bezeichneten Wiener Kliniker eine richtig indizierte und durchgeführte volle Insulinschockkur 1960 noch als Grundbehandlung der Schizophrenie. Eine moderne Auswertung der Krankenakten fand für 1951–1969 insgesamt 965 Fälle von Insulinbehandlung, größtenteils Insulinkomatherapie; die historische Studie datiert das endgültige Ende in Wien auf etwa 1970.
Quellen und was sie belegen
- In the shadow of the “psychopharmacological revolution”: Malaria fever, insulin coma, cardiazol and electroconvulsive therapy at the Vienna Psychiatric University Clinic, 1951–1969Wiener klinische Wochenschrift / Springer Nature
- Malaria fever therapy: wide-spread administration in Vienna was an exceptional case — results from the historical commissionMedical University of Vienna
Amtliche Darstellung der Medizinischen Universität Wien zur Historischen Kommission, die den parallelen fortgesetzten Einsatz von Insulinkoma- und anderen Schock-/Fiebertherapien während des Übergangs zur Psychopharmakologie bestätigt.
Institutionelle Episode
England und Wales
England und Wales institutionalisierten die Insulinkomatherapie rasch, nachdem der Board of Control die Wiener Methode 1936 untersuchen ließ. Bis 1938 war sie in 31 Kliniken etabliert und besaß starke berufliche Unterstützung. In den 1950er Jahren nahm die Kritik zu; eine kontrollierte Studie von 1957 fand keinen signifikanten Unterschied zwischen Insulinkoma und einer Vergleichskomatherapie. Damit brach die Annahme ein, Insulin selbst sei eine spezifische Behandlung der Schizophrenie, und die britische Anwendung ging gegen Ende des Jahrzehnts rasch zurück.
Institutionen
- Board of Control for England and Wales
- Psychiatrische Krankenhäuser in England und Wales
- Royal Medico-Psychological Association
Dokumentierte Folgen
- Staatlich unterstützte Verbreitung von Insulinkoma-Einheiten im psychiatrischen Krankenhaussystem
- Wiederholte invasive Behandlung von Menschen mit Schizophreniediagnose
- Hoher Personalbedarf und verlängerte Krankenhausaufenthalte
- Exposition gegenüber schwerer Hypoglykämie, Krampfanfällen, neurologischen Komplikationen und Mortalitätsrisiko
Institutioneller Apparat
Der Board of Control, der psychiatrische Krankenhäuser beaufsichtigte, entsandte 1936 eine medizinische Kommissarin nach Wien und veröffentlichte anschließend Hinweise zur hypoglykämischen Schockbehandlung. Die institutionelle Übernahme erfolgte rasch: 1938 war die tiefe Insulinkomatherapie bereits in 31 Krankenhäusern in England und Wales etabliert. Berufsverbände und führende Lehrbücher unterstützten sie bis in die 1940er und 1950er Jahre. Eine kontrollierte randomisierte Studie von 1957 fand keinen signifikanten Vorteil des Insulins gegenüber einer nicht durch Insulin ausgelösten Vergleichskomatherapie; die Methode wurde danach in der britischen Praxis rasch verdrängt.
Quellen und was sie belegen
- Insulin coma therapy in schizophreniaJournal of the Royal Society of Medicine
- The Retreat Archive — Insulin Coma TherapyWellcome Collection
Archivkatalog, der die Einführung der Insulinkomatherapie im Retreat 1938 nach positiven Berichten auf der Jahrestagung der Medico-Psychological Association dokumentiert.
Zuletzt geprüft: 24.8.2026