Institutionelle Überzeugung · Psychiatry and sexuality
Homosexualität als psychische Störung
Homosexualität wurde in offiziellen oder fachlich maßgeblichen medizinischen Klassifikationssystemen als diagnostizierbare psychische, Persönlichkeits- oder Sexualstörung behandelt.
4 Episoden
Heutiger Wissensstand
Heutiger Wissensstand
Homosexualität ist weder Krankheit noch psychische oder sexuelle Störung und keine „Perversion“. Gleichgeschlechtliche Anziehung gehört zur normalen Vielfalt menschlicher Sexualität. Belastungen lesbischer, schwuler oder bisexueller Menschen können eine angemessene psychische Versorgung erfordern; durch Stigma, Konflikte oder Diskriminierung verursachter Leidensdruck macht die sexuelle Orientierung selbst jedoch nicht pathologisch und begründet keine medizinische Notwendigkeit, sie zu verändern.
Folgen und menschliche Auswirkungen
Folgen und menschliche Auswirkungen
Die Pathologisierung von Homosexualität war mehr als ein falsches Diagnoseetikett. Internationale und nationale Klassifikationen verliehen Stigma, Behandlungsversuchen und institutionellen Entscheidungen medizinische Autorität. Die WHO korrigierte die pauschale Einstufung 1990, doch nationale Systeme folgten unterschiedlich schnell: Brasilien änderte seine Kodierung 1985, Chinas CCMD-System bleibt ungewöhnlich widersprüchlich und wird weiterhin in aktuellen forensischen Standards zitiert, während Iran Homosexualität im militärischen Befreiungssystem weiterhin mit psychischer Krankheit verknüpft.
Wie daraus Folgen entstanden
Die Episoden verwenden nicht überall dieselbe Diagnosesprache. Manche Systeme pathologisierten Homosexualität selbst; spätere Klassifikationen beschränkten Diagnosen teilweise auf Menschen mit Leidensdruck wegen ihrer Orientierung. Diese Unterschiede bleiben sichtbar, weil eine Einengung nicht dasselbe ist wie vollständige Entpathologisierung.
Die Klassifikation von Homosexualität als psychische Störung betrifft die sexuelle Orientierung. Transidentität ist davon zu unterscheiden und besitzt eine eigenständige Geschichte medizinischer und psychiatrischer Klassifikation.
Die WHO-ICD-6 klassifizierte Homosexualität als psychische Störung
Die Weltgesundheitsversammlung beendete die Einstufung von Homosexualität selbst als psychische Störung
Chinesische Forensikstandards verweisen weiter auf CCMD-3; Irans Militärsystem nutzt weiter eine psychiatrische Einordnung
Zahlen werden nur hervorgehoben, wenn sie durch die angegebenen Quellen gestützt werden. Die Größe einer damit verbundenen Katastrophe wird nicht automatisch als ausschließlich durch diese Überzeugung verursacht behandelt.
Institutionelle Episode
International — Weltgesundheitsorganisation
Die sechste Internationale Klassifikation der Krankheiten der WHO von 1948 führte Homosexualität als psychische Störung. Aufgrund der weltweiten Rolle der ICD erhielt diese Einordnung außergewöhnliche institutionelle Reichweite. Am 17. Mai 1990 verabschiedete die Weltgesundheitsversammlung die ICD-10 und beendete die Einstufung von Homosexualität selbst als psychische Störung. Die Korrektur war zunächst nicht vollständig, weil ICD-10 noch orientierungsbezogene F66-Diagnosen enthielt, doch die pauschale Pathologisierung durch die WHO endete 1990.
Institutionen
- World Health Organization (WHO)
- World Health Assembly
Dokumentierte Folgen
- Internationale diagnostische Einordnung von Homosexualität als psychische Pathologie
- Medizinische Legitimation nationaler und fachlicher Pathologisierung
- Weitergabe über Gesundheitsstatistik, klinische Kodierung, Ausbildung und Verwaltung
- Verstärkung von Stigma und Behandlungsversuchen gegen die sexuelle Orientierung selbst
Institutioneller Apparat
Unter Verantwortung der WHO ordnete die ICD-6 Homosexualität 1948 den psychischen Störungen zu. Weitere ICD-Fassungen behielten pathologisierende Kategorien zur sexuellen Orientierung bei. Weil die ICD weltweit als Standard für Gesundheitsstatistik und als Grundlage klinischer, administrativer und versicherungstechnischer Systeme dient, wirkte diese Einordnung weit über die WHO selbst hinaus. Im Mai 1990 verabschiedete die Weltgesundheitsversammlung die ICD-10 und beendete die Klassifikation von Homosexualität selbst als psychische Störung. Orientierungsspezifische F66-Kategorien wie die „ichdystone Sexualorientierung“ blieben zunächst bestehen; die Korrektur erfolgte also schrittweise.
Quellen und was sie belegen
- International Classification of Diseases — Small code, big impactWorld Health Organization
WHO's historical overview states that ICD-6, published in 1948, classified homosexuality as a mental disorder and explains the broad clinical, financing and administrative significance of ICD coding.
- Moving one step closer to better health and rights for transgender peopleWorld Health Organization Regional Office for Europe
Official WHO account identifying 17 May 1990 as the date on which the World Health Assembly stopped classifying homosexuality as a mental disorder.
- International Classification of Diseases — ICD historyWorld Health Organization
Current official ICD history records ICD-10 adoption by the World Health Assembly in May 1990 and its international entry into effect on 1 January 1993.
Institutionelle Episode
Brasilien
Das brasilianische medizinische Klassifikationssystem verwendete den ICD-9-Code 302.0, der Homosexualität im Kapitel der psychischen Störungen unter „sexuelle Abweichungen und Störungen“ einordnete. 1985 billigte der Conselho Federal de Medicina nach einer Überprüfung durch die Bundesgesundheitsverwaltung die Orientierung, Konsultationen, deren Anlass Homosexualität war, stattdessen unter V62 („andere psychosoziale Umstände“) zu kodieren. Lag eine andere Erkrankung vor, sollte diese als Grunderkrankung kodiert werden. Die Entscheidung lockerte damit die pathologisierende Einstufung in der brasilianischen Praxis, ohne die internationale ICD-9-Kategorie 302.0 wörtlich zu löschen.
Institutionen
- Ministério da Saúde
- Conselho Federal de Medicina (CFM)
- Centro Brasileiro de Classificação de Doenças (CBCD)
Dokumentierte Folgen
- Diagnostische Kodierung als psychische oder sexuelle Störung
- Medizinische Pathologisierung von Homosexualität
- Institutionelle Stigmatisierung im Gesundheitswesen
Institutioneller Apparat
Die pathologisierende Kategorie stammte aus der ICD-9, die Homosexualität unter 302.0 den „sexuellen Abweichungen und Störungen“ im Kapitel der psychischen Störungen zuordnete. Als die Forderung nach einer anderen brasilianischen Kodierung die Bundesgesundheitsverwaltung erreichte, schlug das Centro Brasileiro de Classificação de Doenças für Konsultationen wegen Homosexualität V62 vor; das Gesundheitsministerium legte die Frage dem Conselho Federal de Medicina vor, der diese Orientierung 1985 billigte.
Quellen und was sie belegen
- Parecer CFM nº 05/1985Conselho Federal de Medicina
Primary three-page 1985 opinion documenting ICD-9 code 302.0, the CBCD proposal, the Ministry of Health referral, and the CFM conclusion that relevant consultations could be coded under V62 while separate pathological conditions should be coded by their underlying diagnosis.
- Histórico — Resolução nº 01/1999Conselho Federal de Psicologia
Historical overview identifying the 1985 CFM decision as Brazil's key medical-classification change concerning homosexuality.
Institutionelle Episode
China
Chinas CCMD-2 und CCMD-2-R klassifizierten Homosexualität als psychiatrische beziehungsweise sexuelle Störung. CCMD-3 engte diese Position 2001 erheblich ein, und führende chinesische Psychiater erklärten öffentlich, homosexuelle Menschen seien nicht psychisch krank. Eine wörtliche Streichung erfolgte jedoch nicht: CCMD-3 behielt „Homosexualität“ als Diagnose 62.31 unter den Störungen der sexuellen Orientierung. Eine Neubewertung von 2026 zeigt, warum die verbreitete Formel einer vollständigen Streichung 2001 zu weit geht. Zudem nennt der aktuelle forensische Standard SF/T 0184-2024 des Justizministeriums CCMD-3 weiterhin als diagnostische Referenz. Die Episode bleibt daher offen.
Institutionen
- Chinese Society of Psychiatry / Chinese Medical Association
- Forensisches Begutachtungssystem des chinesischen Justizministeriums
Dokumentierte Folgen
- Fachpsychiatrische Einordnung von Homosexualität als Störung der sexuellen Orientierung
- Fortbestand einer Diagnosekategorie trotz der öffentlich kommunizierten „Entpathologisierung“ von 2001
- Fortdauernde Verfügbarkeit von CCMD-3 als Referenz in staatlicher forensischer Psychiatrie
- Medizinische und institutionelle Legitimation pathologisierender Deutungen und von Versuchen zur Orientierungsänderung
Institutioneller Apparat
CCMD-2 von 1989 und CCMD-2-R von 1994 hielten Homosexualität ausdrücklich in der chinesischen psychiatrischen Klassifikation, obwohl international bereits eine Entpathologisierung eingesetzt hatte. CCMD-3 wurde 2001 weithin als Abschaffung dargestellt, weil der Text betonte, gleichgeschlechtliche Sexualität sei nicht zwangsläufig abnormal. Tatsächlich blieb jedoch eine Diagnose mit dem Namen „Homosexualität“ (62.31) unter den „Störungen der sexuellen Orientierung“ bestehen, neben Bisexualität. Die Einleitung verbindet die Aufnahme mit Leidensdruck und dem Wunsch, die Orientierung zu verändern, löscht Homosexualität aber nicht als Diagnosekategorie. Das ist nicht nur historisch: Ein 2024 erlassener und seit Juni 2025 geltender forensischer Standard des Justizministeriums führt CCMD-3 weiterhin als normative diagnostische Referenz neben der ICD.
Quellen und was sie belegen
- Cultures in psychiatric nosology: the CCMD-2-R and international classification of mental disordersCulture, Medicine and Psychiatry / PubMed
Peer-reviewed 1996 analysis describing CCMD-2-R as a widely used Chinese psychiatric classification and identifying homosexuality among diagnoses deliberately retained despite differences from ICD-10.
- China redefines diagnostic standard; mental illness no longer automatically includes homosexualityChina News Service
Contemporary March 2001 report quoting a senior CCMD-3 drafter: homosexuality was no longer to be treated as automatically pathological, while distress associated with homosexual orientation could still be classified as a psychosexual disorder.
- Chinese Classification and Diagnostic Criteria of Mental Disorders, Third Edition — preserved textTrans & Gender Diverse Archive — preservation copy of CCMD-3
Preserved text of CCMD-3 showing section 62.3 'sexual orientation disorders' and diagnosis 62.31 'homosexuality', while stating that sexuality itself is not necessarily abnormal.
- SF/T 0184-2024 — Assessment of capacity for serving a sentence in the mentally disorderedMinistry of Justice of the People's Republic of China
Current forensic industry standard, issued 30 December 2024 and effective 1 June 2025, lists CCMD-3 and the ICD as normative diagnostic references and instructs forensic evaluators to diagnose mental state according to ICD or CCMD-3.
- China Did Not 'Remove' Homosexuality from Its Official List of Mental DisordersSuisui Wang and Darius Longarino, SSRN
2026 legal-medical reanalysis of CCMD-3 arguing that the common 'removed in 2001' narrative overstates the change: the diagnosis name remained, and self-distress was not written as a clean standalone criterion. Used here as interpretive scholarship alongside the classification text and current state standards.
Institutionelle Episode
Iran
Iran verknüpft Homosexualität im System der verpflichtenden Wehrdienstbefreiung weiterhin mit psychiatrischer oder verhaltensbezogener Pathologie. Schwule Männer können über eine medizinische Begutachtung eine Befreiung beantragen, weil das System sie als psychisch krank behandelt oder entsprechenden Kategorien zuordnet. Die militärische Dokumentation kann den Rechtsgrund der Befreiung erkennen lassen und dadurch die sexuelle Orientierung indirekt offenlegen. Berichte des US-Außenministeriums dokumentierten die Einordnung 2017–2023; die britische Regierung beschreibt denselben Mechanismus noch im Dezember 2025. Die Episode bleibt daher offen.
Institutionen
- Iranisches medizinisches Befreiungssystem der allgemeinen Wehrpflicht
- Medizinische Untersuchungs- und Befreiungsgremien der Streitkräfte
Dokumentierte Folgen
- Medizinische und psychiatrische Untersuchung im Zusammenhang mit sexueller Orientierung
- Wehrdienstbefreiung auf psychischer oder verhaltensbezogener Grundlage
- Offenlegung des Befreiungsgrundes in militärischen Unterlagen
- Risiko von Diskriminierung am Arbeitsplatz, familiärer Gewalt, körperlicher Gewalt oder Festnahme nach unfreiwilligem Outing
- Staatliche Verstärkung der Behauptung, Homosexualität sei Krankheit oder Psychopathologie
Institutioneller Apparat
Das iranische Wehrpflichtsystem behandelt Homosexualität als medizinischen beziehungsweise psychiatrischen Grund für eine Befreiung. Amtliche Berichte ausländischer Regierungen dokumentieren dies mindestens seit 2017 fortlaufend. Aktuelle Berichte beschreiben medizinische Begutachtungen nach den iranischen Befreiungsvorschriften, wobei schwule Männer als psychisch krank eingestuft oder psychiatrischen beziehungsweise verhaltensbezogenen Kategorien zugeordnet werden. Auf Befreiungskarten erscheint der einschlägige Rechtsunterabschnitt und kann damit die sexuelle Orientierung indirekt offenlegen. Die Einordnung bleibt also nicht symbolisch, sondern wird durch medizinische Prüfung und ein folgenreiches staatliches Dokument umgesetzt.
Quellen und was sie belegen
- Iran — 2017 Country Reports on Human Rights PracticesUnited States Department of State
Official report states that Iranian law requires military service for adult men but exempts gay men and transgender women, who were classified as having mental disorders.
- Iran — 2023 Country Reports on Human Rights PracticesUnited States Department of State
Official report states that law classified gay men and transgender women as having mental disorders for military-service exemption and that identity cards listed the exemption subsection, creating risk of abuse, discrimination and arrest.
- Country policy and information note: sexual orientation and gender identity or expression, Iran, December 2025UK Home Office
Current December 2025 official country assessment describes gay men as eligible for military exemption because they are deemed mentally ill, summarizes the Iranian medical-exemption regulations, and documents the discriminatory and safety consequences of exemption records that reveal sexual orientation.
Zuletzt geprüft: 24.8.2026