← Zur Zeitleiste der institutionellen Überzeugungen

Institutionelle Überzeugung · Medicine and public health

Cardiazol-Krampfanfälle als Behandlung der Schizophrenie

Schizophrenie und Epilepsie wurden als biologisch gegensätzliche Erkrankungen behandelt; deshalb sollten chemisch ausgelöste epileptiforme Krampfanfälle mit Cardiazol (Pentylentetrazol/Metrazol) eine Remission der Schizophrenie bewirken.

1 Episode

Heutiger Wissensstand

Heutiger Wissensstand

Schizophrenie und Epilepsie sind keine biologischen Gegensätze, deren Verhältnis sich therapeutisch durch provozierte Anfälle umkehren lässt. Frühe Cardiazol-Ergebnisse wurden durch unkontrollierte Vergleiche, wechselnde Diagnosedefinitionen und Erfolgskriterien verzerrt, die teilweise ruhigeres oder leichter handhabbares Verhalten mit Genesung gleichsetzten. Krampftherapie als solche ist damit nicht pauschal widerlegt: Die moderne Elektrokrampftherapie besitzt evidenzbasierte Indikationen, etwa bei schwerer Depression, Katatonie und ausgewählten therapieresistenten Erkrankungen. Der historische Irrtum lag in der spezifischen Antagonismustheorie und im daraus abgeleiteten routinemäßigen Einsatz eines extrem belastenden chemischen Konvulsivums bei Schizophrenie.

Folgen und menschliche Auswirkungen

Folgen und menschliche Auswirkungen

Die Cardiazoltherapie verbreitete sich innerhalb von etwa zwei Jahren in britischen öffentlichen psychiatrischen Kliniken. Intravenöse Injektionen lösten massive Krampfanfälle aus und konnten unmittelbar davor überwältigende Angst erzeugen. Der Board of Control untersuchte und begleitete die institutionelle Einführung, doch die ursprüngliche Vorstellung, künstlich erzeugte Epilepsie könne Schizophrenie entgegenwirken, brach rasch zusammen.

Wie daraus Folgen entstanden

Cardiazol ist auch als Pentylentetrazol oder Metrazol bekannt. Chemisch ausgelöste Cardiazol-Krampfanfälle bei Schizophrenie sind von der modernen Elektrokrampftherapie zu unterscheiden. EKT ersetzte Cardiazol unter anderem deshalb, weil sich der Anfall elektrisch kontrollierter auslösen ließ und weniger präkonvulsive Todesangst sowie weniger traumatische Verletzungen auftraten.

Spätere Befunde deuteten auf einen Nutzen konvulsiver Therapie bei affektiven Erkrankungen hin. Das bestätigt jedoch nicht Medunas ursprüngliche Behauptung eines biologischen Antagonismus zwischen Schizophrenie und Epilepsie.

89 / 92

britische Einrichtungen mit Schocktherapien nutzten laut Board-of-Control-Erhebung 1938 Cardiazol

1938

Board of Control veröffentlichte einen nationalen Bericht über Cardiazol bei Schizophrenie

1941

britische Kliniker erklärten die ursprüngliche Schizophrenie-Indikation bereits für aufgegeben

Zahlen werden nur hervorgehoben, wenn sie durch die angegebenen Quellen gestützt werden. Die Größe einer damit verbundenen Katastrophe wird nicht automatisch als ausschließlich durch diese Überzeugung verursacht behandelt.

Institutionelle Episode

England und Wales

1937–1941Grundlage staatlicher Praxis

Großbritannien übernahm die Cardiazol-Krampftherapie nach ihrer Einführung 1937 in kürzester Zeit. Die Methode beruhte auf der Vorstellung, Schizophrenie und Epilepsie seien biologische Gegensätze, weshalb epileptiforme Anfälle eine Remission hervorrufen sollten. Der Board of Control untersuchte die Methode und fand Ende 1938 Cardiazol bereits in 89 Einrichtungen. Weitere Erfahrungen zeigten instabile Remissionsangaben, schwere Angst und Verletzungen sowie grundlegende Probleme bei der Bewertung vermeintlicher Besserungen. 1941 wurde die ursprüngliche Schizophrenie-Theorie ausdrücklich als aufgegeben beschrieben; die Elektrokrampftherapie ersetzte das schlechter kontrollierbare chemische Verfahren.

Institutionen

  • Board of Control for England and Wales
  • Britische öffentliche psychiatrische Krankenhäuser
  • Royal Medico-Psychological Association

Dokumentierte Folgen

  • Großflächige chemische Auslösung generalisierter Krampfanfälle bei psychiatrischen Patientinnen und Patienten
  • Extreme Erwartungsangst und Belastung unmittelbar vor den Anfällen
  • Risiko von Wirbel- und anderen Frakturen, Gedächtnisstörungen und Hirnschäden
  • Ruhigeres Verhalten oder leichtere Stationsführung konnten fälschlich als therapeutische Besserung gelten
  • Rasche landesweite Verbreitung, bevor die zugrunde liegende Schizophrenie-Theorie belegt war

Institutioneller Apparat

Die Cardiazol-Krampftherapie erreichte Großbritannien 1937 und verbreitete sich äußerst schnell im öffentlichen Psychiatriesystem. Der Board of Control erwähnte ihre Anwendung bereits in mehreren Einrichtungen, entsandte Beamte nach Ungarn und veröffentlichte 1938 einen eigenen Bericht über Cardiazol und Schockbehandlung bei Schizophrenie. Eine Erhebung Ende 1938 fand Schocktherapien in 92 Einrichtungen; 89 davon verwendeten Cardiazol. Ausgangspunkt war Ladislas Medunas Hypothese, Epilepsie und Schizophrenie seien biologisch antagonistisch und epileptiforme Anfälle könnten daher eine schizophrene Remission auslösen. 1941 räumten britische Kliniker bereits ein, dass diese ursprüngliche Konzeption aufgegeben worden war; zugleich verdrängte die Elektrokrampftherapie die chemische Methode rasch.

Quellen und was sie belegen

Zuletzt geprüft: 24.8.2026